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Behandelte Störungsbilder

Bindungsstörungen

Ein leerer Gang, an dessen Ende jemand einsam mit dem Rücken zum Betrachter am Fenster stehtEin Gefühl von Alleingelassensein oder Einsamkeit kann bei vielen seelischen Behinderungen auftreten

Es ist auf jemanden angewiesen, der sich kümmert, seine Bedürfnisse erkennt und angemessen und feinfühlig darauf eingeht. Nur ein Kind, das eine solche Beziehung erlebt hat, wird später auch selbst in der Lage sein, sich auf eine andere Person einzulassen und überdauernde Beziehungen einzugehen. Es hat ein Bindungsmuster verinnerlicht, das seine Sicht von sich selbst und der Welt prägt. Es traut sich selbst etwas zu und ist in der Lage, anderen Menschen zu vertrauen. Eine solche Bindungserfahrung stellt einen Schutzfaktor für eine gesunde psychische Entwicklung dar und man spricht von einem "sicheren Bindungsmuster".

Ein "unsicheres Bindungsmuster" kann Vermeidung oder Aggression hervorrufen

Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren nicht zuverlässig versorgt wurden, häufig wechselnde Bezugspersonen hatten und bei Kummer zum Beispiel Zurückweisung statt Trost erfahren haben, waren durch ihre Erfahrungen eher verunsichert. Sie konnten weniger Vertrauen in andere und sich selbst entwickeln und haben ein "unsicheres Bindungsmuster" verinnerlicht. Diese Kinder reagieren in einer bindungsrelevanten Situation wie Hilflosigkeit oder Angst mit Vermeidung, indem sie viel mit sich selbst ausmachen, oder sie fordern mit wütendem und aggressivem Verhalten die erhoffte Zuwendung ein. Bei Kindern, die darüber hinaus viel Gewalt und Angst erlebt haben und gar keine Strategie entwickeln konnten, mit ihren Bedürfnissen und ihrem Kummer umzugehen, spricht man von einem "desorganisierten Bindungsmuster" (beispielsweise, wenn Eltern selbst dauerhaft psychisch krank oder gewalttätig waren). Ihr Verhalten ist oft kaum vorhersehbar, ihre Beziehungsgestaltung erscheint wahllos, sie zeigen starke Stimmungsschwankungen oder werden handlungsunfähig.

Bindungsstörungen beeinträchtigen die psychische Entwicklung eines Kindes

Besonders aus dem desorganisierten Bindungsmuster können sich Bindungsstörungen von Krankheitswert entwickeln, die die psychische Entwicklung stark beeinträchtigen. Man unterscheidet aktuell die sogenannte reaktive Bindungsstörung des Kindesalters (mit einer Hemmung des Bindungsverhaltens) und die Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung.

In der stationären Betreuung und Behandlung stellen Kinder mit Bindungsstörungen eine große Herausforderung dar, zum Teil benötigen sie zunächst eine intensivtherapeutische Förderung. Es ist nicht immer leicht, mit ihnen nachhaltig in Kontakt zu treten, da Beziehungserfahrungen für sie in der Vergangenheit vielfach mit Enttäuschung und Bedrohung verbunden waren. Gerade deshalb sind stabile Rahmenbedingungen erforderlich, viel Geduld und erfahrene Pädagogen, um das Verhalten dieser Kinder zu verstehen und ihnen neue Möglichkeiten zu eröffnen. Denn dazu ist es nie zu spät.